Das hässliche Gesicht der Angst

Aktualisiert: Mai 17

Seniorin wird tätlich angegriffen, weil Menschen mit ihrer Angst überfordert und allein sind


Ich habe meinen letzten Blogbeitrag mit dem Thema "Lieber Bundesrat, treten Sie zurück...von Ihrer.. Kommunikation" aus meiner Sicht als Therapeutin geschrieben, weil ich im beruflichen Rahmen so viel Menschen begegnet bin, die immer noch wegen der täglichen Berichterstattung und den Folgen der Ausgangssperre (engl. Lockdown) vor Angst zerfliessen.


Wenn die Angst oder Panik ausbricht, ist die verängstigte Person je nach Grad der Angst nicht mehr rational handlungsfähig. Das zeigt sich ganz besonders in herausfordernden Situationen, in denen die Verängstigten sich potentiell bedroht fühlen. Letzte Woche habe ich aufgrund meiner Erfahrungen mit Klienten bereits angesprochen, dass die mediale Berichterstattung. die Spannungen in der Bevölkerung mehr erhöhen als senken.

Heute habe ich eine weitere Bestätigung erhalten, dass meine Wahrnehmung der steigenden Spannung richtig war.


Die Angst bzw. Panik zeigt nun ihr hässliches Gesicht.


Eine nahe Verwandte von mir wurde vor kurzem im Supermarkt tätlich angegriffen. Dazu muss man wissen, dass diese Frau eine "rüstige" Seniorin ist, eine von der man sagen würde, dass sie topfit ist für ihr Alter, gesegnet mit einem scharfen Verstand und sehr viel Lebenserfahrung. Sie hat sich natürlich an die Covid-Verordnung die ganzen letzten Wochen gehalten und sich selber durch die Isolation gebracht, obwohl es ihr nicht leicht gefallen ist. Vor ein paar Tagen brauchte sie nun etwas aus dem Supermarkt um die Ecke. Das mit dem Abstand halten war und ist ihr bewusst und sie kann es problemlos einschätzen und umsetzen.


Der Angriff passierte an der Kasse in einem Supermarkt. Dort befand sich eine Frau, die ganz klar im Panikmodus gefangen ist. Meine Verwandte beschrieb diese Frau als mittleren Alters und mit Maske, zusätzlichem Schal und einem Gesichtsschirm ausgerüstet. Das war ungewöhnlich und auffällig. Diese Dame hat sich dann offensichtlich aus heiterem Himmel bedroht gefühlt und meine Verwandte angeschrien, dass sie den Mindestabstand nicht einhalten würde und als ob das Schreien nicht reichen würde, sie zeitgleich heftig in die linke Schulter geboxt. Dabei hat sie den Mindestabstand natürlich völlig unterschritten.


Das ist eine absolut typische völlig übertriebene und von Panik gesteuerte Überreaktion auf eine imaginäre Bedrohung.


Leider hat die Kassierin nicht eingegriffen, sondern nur mit den Augen gerollt, um meiner Verwandten ihre Unterstützung zu signalisieren. Auch diese Reaktion ist nicht normal. Es kann nicht sein, dass man an einem öffentlichen Ort tätlich bedrängt wird und das Personal nicht verbal eingreift und das Opfer beschützt.


Und genau solche Situationen sind das Ergebnis unserer Medienberichterstattung und der weiterhin andauernden beängstigenden Nachrichten. Immer mehr Leute können das nicht mehr verkraften. Sie sind gestresst und zu rationalem Handeln nicht mehr fähig, weil es sie im wahrsten Sinne des Wortes um den Verstand bringt. Die Dame hätte schliesslich auch Lieferservice in Anspruch nehmen können anstatt sich vermummt in den Supermarkt zu begeben, aber sogar so eine sinnvolle Entscheidung ist im Panikmodus nicht mehr zu treffen. Das ist also ein Mensch, der sich im mentalen und damit auch körperlichen Ausnahmezustand befindet.


Die ganze Geschichte ist an Absurdität nicht zu überbieten. Denn geschützt werden sollen schliesslich unsere Alten. Nun muss man sich als Senior nicht nur vor dem Virus fürchten , sondern auch vor den Mitmenschen und davor, dass einem keiner hilft, wenn es nötig wäre. Zugegeben, dieser tätliche Angriff ist eine seltene Erscheinung, aber dass Senioren im Supermarkt verbal gemassregelt werden, habe ich auch schon mehrfach beobachtet.


Um die Angst- und Spannungszustände zu senken, braucht es klare Informationen und Regeln, damit alle wissen woran sie sind. Die Menschen, die immer noch völlig verunsichert sind, bekommen durch einfache Ansagen, die öffentlichkeitswirksam mitgeteilt werden ein kleines bisschen Stabilität zurück. Ebenso wird die Rückkehr zur Normalität diesen Leuten helfen, sich etwas zu entspannen. Dieser Prozess kann aber deutlich unterstützt werden, indem die Aufmerksamkeit auf vernünftige positive Entwicklungen gelenkt wird. Es liegt in unser aller Verantwortung, diese Gesellschaft nicht kollektiv in eine Abwärtsspirale zu lenken. Es braucht Stabilität und Mut und gesunden Menschenverstand mehr als je zuvor. Und alle, die nicht vor Angst zerfliessen, können einen Beitrag leisten, indem sie in ihrem Umfeld diejenigen stärken, die zur Zeit so Mühe haben.



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© 2019 by Tatjana Ricciardi